Das Projekt
wurde von September 2007 bis April 2010 im Berliner Bezirk Neukölln realisiert, einem Bezirk, der mit ca. 160 verschiedenen Nationalitäten und fast ebensovielen Sprachen einer der vielseitigsten Bezirke der ganzen Bundesrepublik ist.
Hier finden sich je nach Wohnquartier die unterschiedlichsten Strukturen bei den BewohnerInnen:
Hohe Dichte an MigrantInnen und Flüchtlingen im Norden Neuköllns, eher konservative SeniorInnen in der Gropiusstadt, Familien mit Kindern im Süden des Bezirks...
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind bei der deutschen Bevölkerung sowohl im internationalen Norden wie auch im deutsch-dominierten Süden vorhanden; hier sind auch deutliche Ab- und Ausgrenzungsmechanismen zu registrieren; rechtsradikale Tendenzen wurden nicht nur bei Jugendlichen manifest. Bei den letzten Kommunalwahlen wurden zwei Abgeordnete der NPD in die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung gewählt, die Stimmanteile für die NPD lagen aber nicht nur im Süden des Bezirkes bei über fünf Prozent.
Den Impuls zur Entwicklung dieses Modellprojektes gaben verschiedene Beobachtungen, die in den letzten Jahren im Bezirk und darüber hinaus gemacht wurden:
- Jugendliche mit Migrationshintergrund neigen in Konflikten manchmal dazu, sich über bestehende Werte und Normen hinweg zusetzen
- Jugendliche deutscher Herkunft pflegen häufig die Vorurteile über Einwanderer und MigrantInnen, die sie aus ihrem Elternhaus mitbringen
- Jugendliche – vor allem männliche – können eher inhaltliche Anstöße verarbeiten, wenn diese von männlichen Personen der eigenen Herkunftskultur kommen oder wenn zumindest eine ähnliche Problemlage vermutet wird wie die eigene: sie brauchen Vorbilder
- Jugendliche mit Migrationshintergrund, die den Schritt aus dem „sozialen Ghetto“ heraus geschafft haben, können als MultiplikatorInnen in der Jugendarbeit hervorragend eingesetzt werden, da sie häufig am besten wissen, wo die Probleme liegen
In abgewandelter Form beruht dieses Projekt auf der Idee der Peer Group; hier übernehmen junge Erwachsene (z.T. nur wenige Jahre älter als ihre „Klientel“) die Regie vor Ort, d.h. Sozialisationsfunktionen, sie üben quasi untereinander soziale Verhaltensweisen und können sich über bestehende Probleme austauschen. In der z. T. notwendigen Ablösung und Emanzipation vom Elternhaus können diese quasi Peer Groups der WorkshopleiterInnen die notwendige Anregung und Unterstützung bieten. Auf der inhaltlichen Ebene sind die Auseinandersetzungen mit quasi-Gleichaltrigen häufig effektiver als die mit LehrerInnen oder anderen Erwachsenen.
Das Projekt hat
- Kindern und Jugendlichen aus dem Berliner Bezirk Neukölln die Inhalte des Grundgesetzes näher gebracht,
- Kindern und Jugendlichen neue Kenntnisse und Fähigkeiten im Bereich künstlerisch-kreativen Gestaltens vermittelt, ihnen so evtl. auch neue Wege der Problembewältigung eröffnet,
- ihnen die Möglichkeit gegeben, sich in künstlerisch angeleiteten Workshops mit den Grundrechtsartikeln zu beschäftigen,
- ihnen Raum gegeben, um die entstehenden Workshops öffentlich zu präsentieren,
- Jugendliche aus Neukölln und junge KünstlerInnen der UdK weitergebildet zu Fragen des Grundgesetzes, der Anleitung von Gruppen, zu Verfassungen anderer Staaten, zu Grundregeln verschiedener Religionen, zur Geschlechtergerechtigkeit, zum Problem Rechtsradikalismus u.a.m.,
- Jugendliche und junge KünstlerInnen dazu befähigt, im Anschluss an die Fortbildung Workshop-Konzepte zu entwickeln und die Schulklassen bei diesen Workshops anzuleiten,
- kreatives Erleben und Gestalten gefördern.
Bisher
- fanden drei Fortbildungsphasen statt (im Herbst 2007, von Oktober 2008 bis Januar 2009 und zuletzt von Oktober bis Dezember 2009), bei der junge Erwachsene aus Neukölln und KünstlerInnen aus dem Weiterbildungsstudiengang „Kunst im Kontext“ der UdK inhaltlich und methodisch auf die Durchführung der Workshops vorbereitet wurden,
- fanden von Januar bis März 2008 im Aktionsraum in der Karl-Marx-Str. 204 Workshops mit Schulklassen statt, deren Ergebnisse bei einer Finissage am 14.3.2008 der Öffentlichkeit präsentiert wurden,
- fand von Januar bis März 2009 eine zweite Workshopphase in der Köpenicker Str. 166 in Rudow statt; die Ergebnisse daraus waren ebenfalls in einer kleinen Ausstellung zu sehen,
- fand eine dritte Worskhopphase im Kreativraum an der Galerie im Körnerpark statt; auch hier wurden die künstlerischen Ergebnisse laufend in die Ausstellung eingearbeitet,
- wurde eine Abschlussausstellung realisiert, die vom 15.1.2010 bis 21.3.2010 in der Galerie im Körnerpark zweieinhalb Projektjahre Revue passieren liess, bei der aber auch die individuelle Lesart der 19 Grundrechtsartikel in ein völlig neues Licht gerückt wurde und eine Neudeutung zum Artikel 22 des Grundgesetzes schon im Außenberich der Galerie Hinweise auf das Thema gab,
- wurde eine Dokumentation erstellt, in der Entstehung und Werdegang des Projektes so aufbereitet wurden, dass auch andere sich angeregt fühlen sollen, sich – u.U. auch künstlerisch – mit den Grundrechten zu beschäftigen…
